1 Zusammenfassung
Für den wirtschaftlichen Erfolg kleiner
und mittlerer Unternehmen, die sich vor dem Hintergrund der
Globalisierung sowie verkürzter Produktlebenszyklen am Markt
behaupten müssen, spielen Innovationspotenzial und
erfolgskritisches Wissen eine entscheidende Rolle. Trotz ihrer
Bedeutung lässt sich derartiges intellektuelles Kapital nur
unzureichend quantifizieren, was die Bewertung insbesondere des
Innovationspotenzials für externe Investoren erschwert.
Eine
Alternative zu qualitativen Evaluationsverfahren bietet die
Wissensbilanz als Instrument zur gezielten Darstellung und Entwicklung
des intellektuellen Kapitals. Derartige Wissensbilanzen sind jedoch
auch außerhalb des unternehmerischen Bereichs nutzbar und
könnten beispielsweise die Evaluation von Hochschullehre
unterstützen.
Das vorliegende Paper stellt
die Wissensbilanz als Evaluations- und Steuerungstool vor und
beschreibt übersichtshalber den Erstellungsprozess mit Hilfe
der von BMWi und Fraunhofer IPK herausgegebenen Software
"Wissensbilanz-Toolbox". Darauf aufbauend wird der Wert von
Wissensbilanzen für die Evaluation der Hochschullehre anhand
eines Beispiels aus der Hochschule Harz diskutiert. Dabei wird
insbesondere auf die Frage eingegangen, inwieweit grafische
Darstellungen wie QQS-Diagramme oder Potenzial-Portfolios für
das hochschulinterne Qualitätsmanagement genutzt werden
könnten.
2 Warum Wissen
bilanzieren?
Der sich vor dem Hintergrund der Globalisierung beschleunigt
vollziehende Wandel von einer Industrie- zu einer Dienstleistungs- und
Wissensgesellschaft führt dazu, dass Wissens- und
Innovationsvorsprünge deutscher Unternehmen zunehmend als
Standort- und Wettbewerbsvorteil wahrgenommen werden. In einem
Hochlohnland wie Deutschland werden sich insbesondere kleine und
mittlere Unternehmen zukünftig primär über
ihr intellektuelles Kapital von international agierenden
Niedriglohn-Anbietern abgrenzen müssen, anstatt sich auf
bisherige Kosten- und Qualitätsvorsprünge zu
fokussieren [
1].
Diese
Entwicklung macht es Kapitalgebern zunehmend schwer, den Wert eines
Unternehmens ausschließlich anhand finanzieller Kennzahlen zu
beurteilen, da diese das intellektuelle Kapital nicht erfassen.
Insbesondere der wirtschaftliche Erfolg primär
wissensbasierter Unternehmen (beispielsweise aus den Bereichen
Consulting, High-Tech oder Online-Dienstleistungen), deren
„wahres Kapital“ sich nicht in der Finanzbilanz
widerspiegelt, zeigt die Grenzen traditioneller Beurteilungssysteme [
2]. Die Diskrepanz zwischen
Buchwert und Markterfolg sorgt für Unsicherheiten auf Seiten
potentieller Kapitalgeber und erschwert die realistische Beurteilung
von Unternehmenswerten bei der Kreditvergabe.
Diesem
Problem kann mit der Erstellung einer Wissensbilanz begegnet werden,
einer vergleichsweise neuartigen Form der strukturierten Darstellung
„weicher“ Erfolgsfaktoren, unterteilt in Human-,
Struktur- und Beziehungskapital. Dabei zählt man zum
Humankapital beispielsweise Kompetenzen und Motivation der Mitarbeiter,
während Innovations- und Wissenstransfer-Prozesse dem
Strukturkapital zugerechnet werden. Unter Beziehungskapital werden die
Kontakte einer Organisation beispielsweise zu Kunden oder Medien
verstanden [
1].
Mit
Hilfe der Wissensbilanz werden derartige immaterielle Werte erfasst und
bewertet. Die Ergebnisse können dazu genutzt werden, die
finanzspezifischen, klassischen Geschäftsberichte um
„weiche“ Faktoren zu ergänzen und somit zu
einer besseren Bewertbarkeit beizutragen [
6].
Bei einer Wissensbilanz handelt es sich nach Alwert et al. [
3] um ein „Instrument
zur gezielten Darstellung und Entwicklung des intellektuellen Kapitals
einer Organisation“. Sie ist demnach nicht als ein reines
Berichts-, sondern auch als Controlling- und Management-Instrument zu
begreifen. Gegenstand einer Wissensbilanz muss nicht in jedem Fall die
gesamte Organisation sein, auch für Teilbereiche (z.B.
Abteilungen oder Filialen) lässt sich eine solche Bilanz
erstellen.
Neben der erhöhten Transparenz
gegenüber Investoren spricht insbesondere die
Möglichkeit des besseren Managements von erfolgskritischem
intellektuellem Kapital sowie die Aufdeckung von Innovationspotenzialen
für die Erstellung einer Wissensbilanz. Darüber
hinaus kann auch die Außendarstellung eines Unternehmens und
damit die Akquise und Bindung von Mitarbeitern von einer Wissensbilanz
profitieren – und auch für Kunden spielt die
Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens im Hinblick auf Garantie-
und Serviceleistungen gerade im Investitionsgüterbereich eine
entscheidende Rolle [
2].
Zur Zielgruppe einer Wissensbilanz gehören somit alle
Stakeholder eines Unternehmens bzw. einer anderen bilanzierenden
Organisation: Kunden, Partner, Investoren, Analysten, Mitarbeiter,
potentielle Mitarbeiter sowie die interessierte Öffentlichkeit.
Es
sei darauf hingewiesen, dass der Wissensbilanz-Begriff
gegenwärtig weder im deutschen noch im englischen Sprachraum
eindeutig definiert ist [
2].
In der Praxis existiert daher eine ganze Reihe von Modellen zur
Wissensbilanzierung, darunter das Value Chain Scoreboard und das
DLR-Modell. Dieses Paper baut in Gänze auf dem
Wissensbilanz-Modell des „Arbeitskreis
Wissensbilanz“ auf, welcher sich in Deutschland im Auftrag
des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi)
mit der Thematik befasst.
Ausgangspunkte
dieses
Modells sind – analog zur Erstellung einer Balanced Scorecard
–
Vision und Strategie der Organisation. Die
Erstellung einer Wissensbilanz erfolgt dabei in drei wesentlichen
Schritten: Zunächst wird das intellektuelle Kapital ermittelt
und
bewertet, anschließend werden die Wechselwirkungen zwischen
dem
intellektuellen Kapital und dem Erfolg der Organisation identifiziert
und (näherungsweise) quantifiziert, im finalen Schritt findet
dann
die Visualisierung der Ergebnisse sowie darauf aufbauend die
Interpretation und die Ableitung von Verbesserungsvorschlägen
statt
[1].
Wie
Alwert et al. [4]
anhand einer (nicht-repräsentativen) Erhebung sowie eines
qualitativen Experiments demonstrieren konnten, haben nach diesem
Modell erstellte Wissensbilanzen einen messbaren Einfluss auf die
Bewertung der Kreditwürdigkeit deutscher KMU durch
Finanzexperten.
Insbesondere konnte beobachtet werden, dass sich die Bandbreite der
Bewertungen bei Vorliegen einer Wissensbilanz deutlich verringert,
wobei das Gesamturteil nicht in jedem Fall besser ausfällt, da
eine
Wissensbilanz auch Schwächen aufdeckt.
Eine
Mehrzahl der in [4]
befragten Experten beurteilte den durch die Erstellung einer
Wissensbilanz erfolgten Zugewinn an Transparenz als positiv. Auch der
deutsche Gesetzgeber hat das Potenzial dieses Instruments bereits
erkannt und empfiehlt seit 2004 die Berücksichtigung des
intellektuellen Kapitals durch die Aufnahme entsprechender
Kennzahlen in den erweiterten Lagebericht [3].
3 Erstellung einer
Wissensbilanz
Nachfolgend wird übersichtshalber die Erstellung
einer Wissensbilanz mit der vom „Arbeitskreis
Wissensbilanz“ herausgegebenen Software
„Wissensbilanz-Toolbox“ in der Version 1.0
beschrieben, die auch bei der abschließend betrachteten
Evaluation an der Hochschule Harz eingesetzt wurde. Der bereits
dargestellte dreistufige Prozess wird dabei in acht Arbeitsschritten
durchlaufen, die in [
6] und
[
7] im Detail
erläutert werden:
Arbeitsschritt 1:
Zu
Beginn werden Vision und Strategie der Organisation beschrieben, hinzu
kommt eine Darstellung des Geschäftsumfeldes (politische
Rahmenbedingungen, technische Beschränkungen,
Branchenentwicklung etc.) sowie die Identifikation der wichtigsten
erfolgskritischen Geschäftsprozesse.
Arbeitsschritt 2:
Im
zweiten Arbeitsschritt werden die für den
Geschäftserfolg wesentlichen Einflussfaktoren in den drei
Bereichen Human-, Struktur- und Beziehungskapital identifiziert und
erläutert (Fachkompetenz, Kommunikationskultur,
Innovationsprozesse, soziale Kompetenzen etc.).
Abbildung 1:
QQS-Bewertung mit der Software „Wissensbilanz-Toolbox
1.0“
(Beispiel aus einem Wissensbilanz-Projekt der
Wernigeröder HarzOptics GmbH)
Arbeitsschritt 3:
Die auf diese Weise ermittelten Einflussfaktoren werden im dritten
Arbeitsschritt in den drei Dimensionen Quantität,
Qualität sowie Systematik (gemeint ist die Systematik der
Faktor-Weiterentwicklung) auf einer fünfstufigen Skala
bewertet. Diese Bewertung bildet die Datengrundlage für das
sogenannte „QQS-Portfolio“, welches die Ist-Werte
der Einflussfaktoren in einem Blasendiagramm kombiniert. Dabei werden
Quantität und Qualität über die x- und
y-Achse des Diagramms abgebildet, die Bewertung der Systematik spiegelt
sich in der Größe der Blase wieder (siehe Abbildung
3).
Arbeitsschritt
4: Im vierten Arbeitsschritt werden quantifizierbare
Indikatoren für jeden der zuvor bewerteten Einflussfaktoren
benannt – so könnte zum Beispiel die Anzahl der
Reklamationen in einem bestimmten Zeitabschnitt als Indikator
für die Qualität eines Produktes oder einer
Dienstleistung dienen. Die diesem Arbeitsschritt vorangegangene
Bewertung in den drei Dimensionen Quantität, Qualität
und Systematik wird erst durch die Verknüpfung der Faktoren
mit entsprechenden Indikatoren überprüfbar. Die
Indikatoren werden dabei auf einer dreistufigen Skala (gut,
teils-teils, schlecht) erhoben.
Abbildung 2: Mit der Software
„Wissensbilanz-Toolbox 1.0“ erstelltes Wirkungsnetz
(Beispiel
aus einem Wissensbilanz-Projekt der Wernigeröder HarzOptics
GmbH)
Arbeitsschritt 5:
In
diesem Arbeitsschritt werden Wechselwirkungen zwischen den
Einflussfaktoren des intellektuellen Kapitals identifiziert und anhand
von Wirkungsstärke und Wirkungszeitraum (sofort, kurz-,
mittel- und langfristig) in einer Matrix bewertet – eine
Methode aus dem Portfolio der Kybernetik. So wäre
beispielsweise vorstellbar, dass eine Verbesserung bei der
Humankapital-Einflussgröße „Sozialkompetenz
der Führungskräfte“ eine starke aber
zeitlich verzögerte Wirkung auf die
Humankapital-Einflussgröße „Motivation der
Mitarbeiter“ hat, welche wiederum schwach, dafür
aber zeitlich unmittelbar die Strukturkapital-Größe
„Interne Kommunikationskultur“ beeinflusst.
Ergebnis
dieses Schritts ist das sogenannte „Wirkungsnetz“,
eine grafische Darstellung der identifizierten
Wirkungszusammenhänge, wobei die Stärke der
Zusammenhänge über die Liniendicke und deren
zeitliche Wirkung mittels Buchstaben (a-d) verdeutlicht wird (siehe
Abbildung 2). Die stark subjektive Komponente dieses Arbeitsschritts
wird dadurch abgemildert, dass Mitarbeiter aus möglichst
vielen Abteilungen der Organisation miteinbezogen werden.
Arbeitsschritt 6:
In
diesem Arbeitsschritt wird aus den bisherigen Ergebnissen das
„Potenzial-Portfolio“ abgeleitet, eine weitere
grafische Darstellung, welche die Bewertung der einzelnen Komponenten
in den Dimensionen Quantität, Qualität und Systematik
(über deren Mittelwert) mit den im vorausgegangenen
Arbeitsschritt bewerteten Einflussstärken und
-geschwindigkeiten kombiniert und die Identifikation aussichtsreicher
Handlungsfelder ermöglicht.
Wie Abbildung 4
zeigt, fällt jeder Einflussfaktor in einen der vier in Tabelle
1 aufgeführten Quadranten, wobei insbesondere diejenigen
Einflussfaktoren für die weitere Entwicklung des
intellektuellen Kapitals von Bedeutung sind, die über einen
hohen Einfluss verfügen und zugleich negativ bewertet wurden.
|
Negative Bewertung |
Positive Bewertung |
| Hoher Einfluss |
Quadrant 2
Hohes
Potenzial
(weiterentwickeln) |
Quadrant 1
Geringes
Potenzial
(stabilisieren) |
| Geringer Einfluss |
Quadrant 3
Mögliches
Potenzial
(analysieren) |
Quadrant 4
Geringes
Potenzial
(ignorieren) |
Tabelle 1: Einordnung von
Einflussgrößen im Potenzial-Portfolio
Arbeitsschritt 7:
Ausgehend von den im Potenzial-Portfolio identifizierbaren, besonders
aussichtsreichen Handlungsfeldern sowie der im Rahmen des
Erstellungsprozesses gewonnenen weiteren Erkenntnisse, werden in diesem
Arbeitsschritt Maßnahmen zur Optimierung der Entwicklung des
intellektuellen Kapitals abgeleitet und beschrieben.
Arbeitsschritt 8:
Der finale Arbeitsschritt umfasst die Zusammenstellung der für die
Veröffentlichung bestimmten Unterlagen unter Berücksichtigung
des Informationsbedürfnisses verschiedener Gruppen von
Stakeholdern. Hierbei ist zu beachten, dass die Erstellung einer
Wissensbilanz mit einem grundlegenden Zielkonflikt verbunden ist, soll
die Wissensbilanz doch (nach außen) möglichst
überzeugend die Stärken der Organisation aufzeigen sowie
gleichzeitig (nach innen) möglichst umfassend Auskunft über
das Optimierungspotenzial geben.
Es sei darauf hingewiesen, dass
der Erstellungsprozess einer Wissensbilanz im Rahmen dieses Papers aus
Platzgründen nur kursorisch und unter Auslassung wichtiger
Detailschritte und Erläuterungen erfolgen kann. Interessenten sei
daher insbesondere die Lektüre von [
6]
und [
7] empfohlen.
4 Wissensbilanz an
Hochschulen
Es
liegt nahe, dass die Wissensbilanz als Berichts- und
Managementinstrument gerade für wissensbasierte Einrichtungen wie
Universitäten von möglichem Interesse ist. Insbesondere
die im Rahmen des Bologna-Prozesses erkennbare Entwicklung der
Hochschulen zu „Dienstleistern in Sachen Wissenserwerb“, die
stärkere Gewichtung des Qualitätsmanagements sowie die
zunehmende Leistungsorientierung sprechen prinzipiell für den
Einsatz von Wissensbilanzen im Hochschulbereich [
5].
Dazu kommt, dass Hochschulen in besonderem Maß unter
personengebundenen Wissensverlusten leiden. So können
beispielsweise das Ausscheiden eines Rektors oder Dekans oder aber auch
der Weggang eines Professors erhebliche Auswirkungen auf die
Arbeitsweise und -qualität einer Hochschule bzw. eines
Fachbereiches haben [
9].
Dabei kann das
weiter oben für Unternehmen skizzierte Modell nicht ohne
Modifikationen auf Hochschulen übertragen werden. Vielmehr sind
bei der Erstellung einer Hochschul-Wissensbilanz wichtige Unterschiede
beim Umgang mit intellektuellem Kapital – wie beispielsweise die
kostenfreie Veröffentlichung erworbenen Wissens – zu
beachten [
9].
Auch die Definition
einheitlicher Indikatoren gestaltet sich als schwierig, da
beispielsweise die Anzahl der Publikationen von der
Wissenschaftsdisziplin abhängt, weshalb eine Vergleichbarkeit
nicht immer gewährleistet ist [
5].
Trotz
dieser Schwierigkeiten liegt auf der Hand, dass Hochschulen prinzipiell
von einer Evaluation ihres intellektuellen Kapitals profitieren
können. Während die Wissensbilanz als Evaluationsinstrument
an deutschen Hochschulen (noch) kaum zum Einsatz kommt, schreibt das
österreichische Universitätsgesetz (in §13) seit 2004
die jährliche Erstellung von Wissensbilanzen für alle
staatlichen Universitäten vor. Die verpflichtende Bilanzierung
dient unter anderem der Rechenschaftspflicht der Hochschulen
und
soll Vergleiche von Einrichtungen ermöglichen. Die
Wissenbilanzierung an österreichischen Hochschulen wird von
Schlattau [
8] am Beispiel
der Fachhochschule des bfi Wien beschrieben – und Wilkesmann und
Würmseer [
9] gelangen zu
dem Schluss, dass ein Mehrwert auch für deutsche Universitäten gegeben
wäre.
5 Ergebnisse einer
Evaluation an der HS Harz
Wie
bereits erwähnt, lassen sich Wissensbilanzen nicht nur für
Organisationen, sondern auch für Teilbereiche erstellen. Eine
Hochschul-Wissensbilanz könnte demzufolge auch auf einen
Fachbereich oder einen Studiengang beschränkt sein. Eine auf der
Basis dieser Überlegungen im Rahmen der Vorlesung „Strategisches
Informationsmanagement“ im Wintersemester 2007 vom Autor gemeinsam mit
Studierenden erarbeitete Wissensbilanz für den
Bachelor-Studiengang Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Harz soll
nachfolgend verdeutlichen, dass das Instrument möglicherweise auch
zur Ergänzung der traditionellen Methoden der Lehrevaluation
eingesetzt werden kann.
Zu beachten ist, dass bei diesem –
eingeschränkten – Anwendungsversuch nicht die Mitarbeiter (d.h.
die Lehrenden), sondern die Studierenden und damit im übertragenen
Sinne die Kunden bzw. Stakeholder in Abweichung vom oben skizzierten
Erstellungsprozess zur Bewertung des intellektuellen Kapitals
herangezogen wurden. Der Prozess ist damit stark an traditionelle
Methoden der Evaluation angelehnt, wobei erwähnt sei, dass es
durchaus üblich ist, die Ergebnisse von Befragungen unter
Stakeholdern in Wissensbilanzen einfließen zu lassen.
Festzustellen ist aber, dass die Ergebnisse einer solchen Bilanzierung
primär die Frage beantworten, wie die Studierenden selbst das
intellektuelle Kapital des von ihnen belegten Studiengangs bewerten.
Abbildung 3: Aus der
WI-Evaluation hervorgegangenes QQS-Portfolio
Stellvertretend
für eine Vielzahl interessanter Ergebnisse und Einsichten wird aus
Platzgründen nachfolgend nur auf die Bewertung des Prozesses
„Gestaltung des Curriculums“ eingegangen, der von den Studierenden im
intitialen Workshop als einer der Prozesse identifiziert wurde, welche
für die Qualität des Lehrangebots von zentraler Bedeutung
sind. Als Indikatoren wurden Anzahl und Bandbreite der
Berufsfeldorientierungen (BFOs) sowie der Anteil der besetzten
Professuren im Studiengang herangezogen.
Wie Abbildung 3 zeigt,
werden sowohl Quantität (inhaltliche Breite des Lehrangebots) als
auch Qualität (Praxisnähe der Inhalte etc.) als
mittelmäßig eingeschätzt, während die Systematik
der Weiterentwicklung – die von den Studierenden nur teilweise
beurteilt werden kann – positiv bewertet wird.
Abbildung 4: Aus der
WI-Evaluation hervorgegangenes Potenzial-Portfolio
Wie
das Potenzial-Portfolio in Abbildung 4 erkennen lässt, ist die
eher negative Bewertung für die Gesamtentwicklung des
intellektuellen Kapitals jedoch nicht ausschlaggebend, da der
Einflussfaktor unter Einbeziehung der identifizierten
Abhängigkeiten und deren Gewichtung durch die Studierenden in den
vierten Quadranten des Potenzial-Portfolios („kein Handlungsbedarf“)
fällt.
Größere Entwicklungspotenziale zeigen
dagegen das Qualitätsmanagement der Hochschule sowie die
Öffentlichkeitsarbeit, die beide im initialen Workshop als weniger
bedeutsam eingeschätzt wurden. Allein dies verdeutlicht bereits,
dass eine tiefer greifende Beschäftigung mit den „weichen“
Faktoren im Rahmen der Wissensbilanz-Erstellung zu Einsichten
führen kann, die von den Ergebnissen einer einfachen
Fragebogen-Erhebung erheblich abweichen.
6 Schlussbemerkung
Die
Ergebnisse des – eingeschränkten – Versuchs zeigen, dass
Wissensbilanzen möglicherweise das Potenzial dazu aufweisen, die
traditionelle Lehrevaluation inhaltlich zu ergänzen, da sie
Innovationsfelder und -defizite aufdecken können, die mit
herkömmlichen Verfahren unentdeckt bleiben. Darüber hinaus
bietet der Prozess der Wissensbilanz-Erstellung – zumindest nach der
persönlichen Erfahrung des Autors – viel Raum für einen
intensiven Austausch mit den Studierenden über Fragen der
Gewichtung und Bewertung „weicher“ Faktoren wie etwa der
Sozialkompetenz der Lehrenden, der sich im Rahmen einer „klassischen“
Evaluation üblicherweise nicht ergibt.
Für eine
genauere Beurteilung des tatsächlichen Wertes von Wissensbilanzen
für die Lehrevaluation fehlen – nach einer einmaligen Erstellung –
allerdings noch ausreichend Erfahrungswerte. Für die Zukunft
wäre es daher sicher von Interesse, das Instrument häufiger
einzusetzen und die Ergebnisse mit denen der parallel stattfindenden
„klassischen“ Evaluation zu vergleichen.
Literatur